Eröffnungsgala der Kulturwoche ,Schrill im April‘

Frech-frivoler Sangeswettstreit

,Schrillmänner‘ und ,WEIBrations‘ sangen im Tollhaus Karlsruhe

Karlsruhe hat mindestens zwei populäre Kulturereignisse im Jahr: einmal das sommerliche Fest in der Günther-Klotz-Anlage, zum anderen die lesbisch-schwule Kulturwoche im Tollhaus. ,Schrill im April‘ heißt die bewährte Devise, mit der die für ihre publikumswirksame bunte Schräglage bekannte Damen- und Herrenriege erneut angetreten ist, bunte Tupfen in die Kulturlandschaft zu setzen. Denn so richtig aufregen mag sich kaum noch jemand. über die Homosexualität und die Menschen, die sich freimütig dazu bekennen. Zumindest im Tollhaus nicht, wo sich zur Eröffnungsgala der einschlägigen Kulturwoche eine Fangemeinde versammelt hatte, die durch den Zuwachs von mindestens zehn Stadträtinnen und Stadträten und zwei Bürgermeistern fast schon lokalpolitisches Gewicht bekam.

Außer den Christdemokraten waren alle Fraktionen vertreten, was nicht heißen soll, dass die schrille Kulturwoche finanzielle Unterstützung von seiten der Stadt bekäme. Moralische Unterstützung braucht sie längst nicht, so Monika Knoche, Fraktionsvorsitzende der Karlsruher Grünen im Stadtrat, die als Schirmfrau der Veranstaltung die Gala mit viel Charme und Fingerspitzengefühl und einem überdimensionierten Sonnenschirm eröffnete. ,Schließlich sind Schwule auch nur Männer!‘ brachte sie die übermütige Stimmung im ausverkauften Saal auf den Punkt.

Alles klar, oder was? Und wie ließe sich auch die Botschaft von Toleranz und Menschlichkeit besser transportieren als über die Musik. Gleich zwei Chöre, nach Geschlechtern getrennt, lieferten sich einen wahren Sangesstreit um die stimmigste Kehrseite allzu grauer Bürgerlichkeit. Da wünschten sich die Schrillmänner, dass es für sie ,rote Rosen regnen soll‘ wie einst für Hilde Knef, die WEIBrations, ihr weibliches Chorpendant, träumten zu später Stunde mit Brahms, was wäre, ,wenn ich ein Vöglein wär‘. Boten die Schrillmänner mit ihrem bekannten Repertoire aus Musical, Pop und Jazz wenig Neues, so überzeugten die singenden Frauen besonders in ihren musikalischen Eigeninterpretationen etwa der Mersseburger Zaubersprüche aus dem 10. Jahrhundert.

Hätte man die Augen geschlossen, die Veranstaltung wäre indessen kaum von einer herkömmlichen stimmigen Chorinszenierung zu unterscheiden gewesen. Wären da nicht die Texte, die einschlägig und eindeutig von Liebesglück und Liebesleid erzählten. Wer dann immer noch nicht kapiert hatte, worum es ging, der brauchte nur die Augen wieder zu öffnen und sich die frech-frivol kostümierten Chorschwestern und -brüder auf der Bühne anzusehen, eine bunte, dabei musikalisch sehr disziplinierte Truppe liebenswerter Individualisten mit einer außergewöhnlichen Begabung zur Selbstdarstellung.

Dass diese Selbstdarstellung nicht nur Selbstzweck ist, das zeigte nicht zuletzt das gro´┐Że Finale, das die beiden Chorleiter Edzard Burchards und Ellen Becht, mit ihren Mannen und Frauen gemeinsam bestritten. Als personifizierte Verkörperung gängiger Vorurteile kostümiert, boten die Protagonisten auf der Bühne dem Publikum im Saal ein bis zur Perversion überspitzes (Spiegel-) Bild heutiger Gesellschaftsnormen. Der allgegenwärtigen guten Laune tat dies indessen keinen Abbruch. Karlsruhes schrillste Woche im Jahr hat mit einem stimmgewaltigen und stimmigen Auftakt begonnen.

BNN Nr. 91 – Montag, 21. April 1997, Jutta Wellenreuther

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