Matrose singt neben mausgrauer Matrone

Augenzwinkerndes Rollenspiel: Die Schrillmänner zeigten im Tollhaus ,,Frauengeschichten"

Klang und Kleidung sind zwei ganz unterschiedliche Dinge.
Die Schrillmänner, Karlsruhes renommierter und seit 15 Jahren bestehender Schwulenchor, machen ihrem Namen eher in letzterem Punkt Ehre. In ihrem neuen Programm: ,Frauengeschichten‘, das sie im voll besetzten Tollhaus vorstellten, wurde neben edlem Zwirn, szeneüblichem Lederlook und ironischem Bodybuilder-Oberkörper aus Pappe wirklich schriller Fummel zur Schau getragen, für den selbst Frauen viel Mut bräuchten: enge Glitzerkleider, riesige rosa Federn, mordwaffenverdächtige Pumps und auft�rmende Perücken lenkten das Auge namentlich im zweiten Programmteil davon ab, dass auf der Bühne kaum Aktion stattfand. Dass neben dem neckischen Matrosenlook auch zwei mausgraue Matronen standen, zeigt, dass dieser Chor es versteht, sein Spielchen mit

Geschlechterrollen in gewohnt ironischer Weise zu treiben. Und die Texte untermauerten dies: Ob da nun Karel Gotts ,Babicka‘ textlich aufgepeppt wurde (,Sie hat uns getröstet in der Nacht, und Rum ans Bett gebracht‘) oder die traurige Geschichte mit den Schwefelhölzchen aus dem ,Struwwel- peter‘ umgemünzt wurde (,Mütterleins Toilettentisch macht mich nun mal erfinderisch‘), ob da in den Moderationen eine Beziehungskrise aus männlicher Hausfrauensicht unter Verwendung zahlreicher Markennamen von Haushaltsartikeln erzählt wurde, stets ging es um das Aufeinandertreffen des Mannes (ja, auch des Schrillmannes!) mit der Frau - mit der ganz realen in Form etwa der Mutter oder mit der, die man(n) vielleicht gern selbst wäre. Ganz ernsthaft und unschrill hingegen geht der 20-köpfige Chor unter der dynamischen Leitung von Edzard Burchards seine eigentliche musikalische Aufgabe an.

Waren in den ersten zwei, drei Stücken des insgesamt zweistündigen Programms noch einzelne Schwankungen in Lautstärke und Textsicherheit zu bemerken, so zeigte sich der Chor schon bald als klangsichere, homogene Einheit. Souverän von Ellen Becht am Klavier begleitet kamen die variantenreichen Arrangements transparent zur Geltung. Dabei wurde deutlich: Die größte Stärke der Schrillmänner liegt im Ausloten harmonischer, getragen melancholischer Melodien, von englischen Barockklängen bis zu musicalhaften Lovesongs. Mit ,Rosa, du bist mein Ideal‘ brach auch mal südländisches Temperament durch, und als Kontrast zum oft zurückgenommenen und doch intensiven Gesamtklang durften Klassiker wie ,Mama‘ oder ,Für mich soll's rote Rosen regnen‘ richtig geschmettert werden. F�r all das gab's lang anhaltenden Applaus, der mit Zugaben belohnt wurde.

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BNN 03.12.03, Andreas Jüttner