Rosafarbene Facetten

Schwul-lesbisches Chöretreffen im Karlsruher Tollhaus

Kann man lesbisch singen? Und welche Tonart ist eigentlich schwul?
Die Antwort lautet: ,Kreisch!‘ Das ist das Motto des schwul-lesbischen Ch�retreffens. Von Donnerstag bis Sonntag trafen sich Chöre aus ganz Süddeutschland in Karlsruhe - leicht zu erkennen an Namen wie ,Rosa Kehlchen‘ oder ,Liederliche Lesben‘. Und finden, dass eben auch der Chorgesang etwas mit schwul oder nicht schwul zu tun hat: ,Wenn ich jetzt im Fischerchor oder so singen würde, dann geht es da immer um Texte, in denen ich irgendwelche Männer anschwärmen muss - was mir schwerfällt‘, sagt Baya Arnolds von den Karlsruher ,WEIBrations‘, die zusammen mit den ,Schrillmännern‘ ,Kreisch!‘ organisiert haben. Und außerdem kann man ,im normalen Chor keinen Fummel tragen‘, was Schrillmann Ludger Kock doch ziemlich fehlen würde. Quod erat demonstrandum: Beim ,Kreisch!‘-Konzert am Freitag Abend im Tollhaus gab‘s in dieser Hinsicht einiges zu sehen - und nicht nur da: Am Samstag Vormittag zogen die Chöre durch die Straßen, um auch die Hetero-Welt ein bisschen einzubeziehen. Denn Vorurteile, dumme Sprüche und Klischees gibt es immer noch genug. ,Solange das so ist, müssen wir uns auch auf die Bühne stellen‘, sagt Baya Arnolds. Der Kampf gegen Klischees hinderte die Chöre am Freitag Abend zum Glück nicht daran, gut gelaunt und lustvoll selbst darauf herumzureiten und damit zu spielen. Die Frankfurter ,Mainsirenen‘ taten sich bei dem Thema besonders hervor. Da stellt sich ein kleiner schulmeisterlicher Mensch mit Glatze

an den Bühnenrand und verkündet, dass die Schwulen alle nur fürchterliche Musik hören (Rosenstolz! Abba!!!) - und der Chor antwortet mit einem (musikalisch ziemlich anspruchsvollen!) Opern-Potpourri von Verdis ,La Traviata‘ bis zu Mozarts ,Zauberflöte‘ - um dann doch irgendwie in Abbas ,Mamma mia‘ abzugleiten, was ihnen dann echt peinlich ist. Sehr vergnüglich anzuhören und sehr gut gelungen. Das Niveau war überhaupt durchweg sehr beachtlich, der Anspruch hoch - so mancher ambitionierte Kirchenkantor würde vor Neid erblassen angesichts dieser Masse an jungen, motivierten Sängern. Oldies jeder Couleur beherrschten das musikalische Feld, viel Fantasie die Bühnenshows. Die Karlsruher ,WEIBrations‘ glänzten vor allem mit ironischen Texten - und selten war ein Song mit dem Refrain ,Ich bin depressiv‘ so erheiternd. Die ,Rosa Kehlchen‘ aus Heidelberg sprachen mit ihrer James-Bond-Parodie auch so mancher Frau aus der Seele (,mit der Lizenz, Männer um- und Frauen flachzulegen‘) und schmetterten schwung- und gefühlvoll Achtziger-Jahre-Songs. Der ,Lesbenchor Stuttgart‘ frönte seiner kriminellen Ader mit ,Ohne Krimi geht die Mimi...‘. Die ,Rosa Noten‘ ebenfalls aus Stuttgart, setzten mehr auf klassisches Liedgut - da kam sogar die altgediente ,Forelle‘ mal zu ihrem Recht, wenn auch nur auf dem Küchentisch und als Instrument zur Verführung spröder, aber schöner Männer.
Ein netter Abend - mögen sie alle noch lange kreischen!

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BNN-Karlsruhe, Montag, 14.06.04, Wibke Bantelmann