Leinwand und Live-Chor

Glockentage: Konzert mit Uraufführung in der Stadtkirche

Die Uraufführung von Kjell Habbestads �Lied von der Glocke� nach Schiller war nicht die einzige Neuheit in dem Konzert in der Stadtkirche: Kantor Christian-Markus Raiser hatte für den Beitrag zu den Europäischen Glockentagen die Form des �Chor-Film-Colla�gen-Konzerts� erfunden - und es wurde eine ansprechende Form. Der bezaubernde Film �Vaya con Dios� von Zoltan Spirandelli war der Rahmen, der alles zusammenhielt. Drei Mönche aus einem Orden, in dem nicht gespro�chen werden darf, dafür aber umso schöner ge�sungen, machen sich aus ihrem Kloster in As�perg auf, ein heiliges Buch aus Italien zurück�zuholen - zu Fuß natürlich. Der jüngste Mönch lernt die Liebe kennen (und, viel wichtiger: den Liebeskummer), der älteste lernt Menschlich�keit und Nachsicht und alle drei die Solidarität ihres winzigen Ordens schätzen. Der Film wurde nicht zerstückelt, sondern drei lange, als Handlung logische Ausschnitte gezeigt, und zwischendurch die Musik des Films vom Chor aufgegriffen - den gregoriani�schen Gesängen auf der Leinwand folgte live Palestrinas �Missa Papae Marcelli�, dem Leitchoral des Films �Wer nur den lieben Gott lässt walten� wurde Mendelssohns Kantate über denselben Choral entgegengesetzt. Wäh�rend der Chor sang, konnte jeder Zuhörer die fehlenden Filmteile in der Fantasie nachholen - insgesamt also eine ruhige, ansprechende Dramaturgie. Zumal das Hausensemble,

der Coro Piccolo, und die Schrillmänner, Karlsru�hes homosexueller Männerchor, sehr tonrein, ausgeglichen und geschmackvoll sangen und die Sopranistin Lydia Zborschil mit einer leichten, freien Stimme überzeugte. Das rauschende Ende wurde passenderweise mit mächtigen Glockenschlägen eingeläutet: Der Komponist Kjell Habbestad hat den Um�stand, dass er für die Glockentage schreiben sollte, sehr ernst genommen und sich bemüht, dieses Instrument kräftig einzusetzen. Habbestadt schreibt in dem gerade in der Kirchen�musik recht beliebten Idiom: Keine musikali�sche Avantgarde, sondern eine Mischung aus Spätromantik mit einem Hauch Orff, das Gan�ze von Kirchentonarten und gregorianischen Chorälen und mächtig in der Tiefe brummen�den Orgeltönen durchsetzt. Dazu die vielen dramatischen Glockentöne - das war ein Griff ins Volle, was das Klangvolumen angeht, der seine Wirkung auf die Zuhörer nicht verfehlt. Habbestad versteht es allerdings auch, Stoff und Klang zu gliedern, Atempausen, Höhe�punkte zu setzen und schreckt gelegentlich auch vor Hässlichkeit nicht zurück, lässt sogar einmal den Gesang in Schreien ausarten. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass der Text kaum zu verstehen war, doch der vereinte Chor glich das mit ansteckender Begeisterung her�vorragend aus. Schön, wenn man Experimente wagt - noch schöner, wenn, wie hier, auch so Ansprechendes gelingt.

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BNN-Karlsruhe, Samstag, 25.09.04, Wibke Bantelmann