Das etwas andere Konzert

Advent mit den „Schrillmännern“ im Karlsruher Tollhaus

Traditionen wollen gepflegt werden. Und Tradition ist es mittlerweile, dass der Karlsruher Schwulenchor „Die Schrillmänner“ zur Vorweihnachtszeit im Tollhaus mit einem etwas anderen Adventskonzert aufwartet. Das hat sich auch in der Heterowelt herumgesprochen: Der Saal war bunt gemischt und komplett ausverkauft. 18 Männer, ein Chorleiter (Edzard Burchards) und die einzige „biologische Frau“ (Ellen Becht) am Flügel folgen „Plan B“ und singen Stücke mit alten und neuen Einsichten über schwules Leben und Lieben.
Im Bühnenvordergrund auf einem überdimensionierten Ohrensessel mit Leopardenmuster thront „Peitschengabi“ und liest zwischen den Songs – quasi als Themenvorlage – ein schwules „Liebesmärchen“. Der herrlich lakonisch vorgetragene Text ist gespickt mit derben Anspielungen und Klischees übers Schwulsein. Dieser selbstironische Blick macht die „Schrillmänner“ längst zu einer Marke in der Szene: Es darf hemmungslos gelacht werden. Das Märchen: Moritz, schüchtern, liebt Hannes, den Hansdampf der Schwulenszene. Sie kommen zusammen, haben ihre erste Beziehungskrise, kommen wieder zusammen, werden für eine Weile glücklich und dicker,

aber dann – die Treue ist leichter geschworen als gehalten – ist das Märchen am Ausgangspunkt. Beide sind wieder alleine, nur doppelt so schwer.
Über dieses nicht gerade optimistische Liebesmärchen tröstet die Musik des Chores hinweg. Und erst das Outfit! „Schrill“ ist eine freche Untertreibung für das, was sich da auf die Bühne traut: bizarrer Feder-Kopfschmuck, enge Fummel, gnadenloses Schuhwerk. Vor der Pause in edlem Weiß, nach der Pause in szenetypischem Schwarz mit Leder und Nieten. Auch die Schirmmütze ist dabei. Aber so grell die Klamotten, so schräg die Texte, beim Gesang herrscht strenge Präzision. Dafür sorgt Chorleiter Edzard Burchards, der mit kurzen Einlagen daran erinnert, dass er selbst einst als brillanter Tenor im „Schrillmänner“ – Chor stand. Er entlockt seinen „Schwestern“ höchst komplexe Stücke. Von zart-gefühlig bis frech-dahingerockt, in 16 Jahren hat der Chor so ziemlich jede Variante hinzugewonnen. So fällt es dem Publikum schwer, die „Schrillmänner“ nach zwei Stunden von der Bühne zu lassen, zwischen den Zugaben werden schon Verabredungen fürs zweite Adventskonzert des Schwulenchors getroffen. Das folgte gleich am Abend darauf.

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BNN-Karlsruhe, Di, 30.11.04, Marcia Kussian