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SCHRILLMÄNNER

...denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt.

Gleich beim ersten Durchlauf der soeben erschienenen CD ,PACIFIC TOUR‘ von den SCHRILLMÄNNERN, war der Song mit dem obigen Titel mein Top-Favorit. Eingängige Schunkelmelodie, frecher Text. So richtig nach meinem Geschmack. Aber auch die anderen Stücke waren nicht so ganz ohne, vor allem die ungeheure Vielfalt ihres Repertoires entlockte mir ein Staunen. Dabei hatte ich mir bisher unter einem Männerchor irgendwie etwas anderes vorgestellt: gediegen, etwas langweilig vielleicht, seriös, aber bestimmt nicht so etwas wie dies, bei dem die Post so abgeht, dass die Funken sofort aufs Publikum sprühen. Geballte Lebens- und Liebeslust. Schwule Liebeslust, um genau zu sein, denn die SCHRILLMÄNNER sind DER Schwule Chor Karlsruhe. Und vielleicht gerade deswegen ,ein Glücksfall für das deutsche Männerchorwesen‘ (laut ZEIT magazin).

Dass die Jungs Musik im Blut haben, bewiesen sie schon oft und gern bei ihren vielen öffentlichen Auftritten. Jubez, Subway, Karlsburg in Durlach sind Stationen ihres Weges in Karlsruhe. Zuletzt waren sie zu erleben bei ,SCHRILL IM APRIL‘ im Tollhaus während der Kulturwoche, für viele ein unvergessliches Ereignis, denn diese Chorknaben bestechen durch ihre Originalität. Das Programm ist bunt gemixt, neben Eigenkompositionen und deutschem Renaissance-Liedgut finden sich französische Chansons, Gershwin-Titel, Musical-Adaptionen, allesamt neu arrangiert für die SCHRILLMÄNNER von Martin Widmaier, ihrem ehemaligen Dirigenten, der zwischenzeitlich von Edzard Burchards abgelöst wurde. Am Flügel begleitet werden sie von Johannes Heidt. Ein unschlagbares Team, dessen derzeit 25 Mitglieder immer die richtigen Töne treffen. Um so erstaunlicher, da es sich hier nicht um Profimusiker handelt (Dirigent und Pianist ausgenommen), sondern um Freizeitsänger. Wenn die Karriere allerdings weiterhin so steil ansteigt, wird sich wohl manch einer überlegen, ob das Music-biz nicht einen Seitensprung lohnt, beruflich. Dass privat der Seitensprung von herkömmlichen Vorstellungen an der Tagesordnung ist, davon künden ihre Texte, die sich samt und sonders, aber nicht absonderlich mit dem schwulen Leben und Lieben befassen. Und da ist einiger Zündstoff drin. Im Kurzlehrgang verabreichen sie gesellschaftliches und mitmenschliches Grundwissen, was leider hierzulande immer noch viel zu wenige wissen wollen und so verwundert es auch nicht, dass die schrillen Boys ihre Goldkehlen für Benefiz-Veranstaltungen vibrieren ließen, beispielsweise am Welt-AIDS-Tag im letzten Dezember. Aber auch für eine Vielzahl anderer Veranstalter traten sie auf, sei es zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, in Solidarität mit Ausländern und Asylanten, für die ersatzlose Streichung des Paragraphen 175 oder gegen die päpstliche Sexualmoral. Keine kreischenden Tunten also, sondern junge Männer wie aus dem Bilderbuch, die uns seit 1988 sanft, aber bestimmt die Leviten singen. Hervorgegangen aus der SchwUnG (Schwule Unigruppe Karlsruhe), besteht der harte Kern aus etwa 15 Mannen, um die sich in fröhlichem Wechsel andere Sangesbrüder gesellen.

Namenspatronin war die kesse Göre Mimi Schrillmann aus Walter Bockmeyers Film ,Im Himmel ist die Hölle los‘. Schon bald wurden aus den Anfangstimmen ein richtiger Chor, mit Engagements nach Berlin, Frankfurt/Main, Heidelberg, Kaiserslautern, Mannheim, Nürnberg, Stuttgart und Hamburg. Fernsehstudios öffneten sich, Auslandsauftritte folgten. 1991, während des 6. europäischen Schwul-Lesbischen-Chor-Festivals, entstanden so enge Kontakte mit dem Gastchor aus Seattle, dass daraus eine Einladung nach Amerika resultierte: Die ,Pacific Tour‘ im Mai/Juni 1992 führte die SCHRILLMäNNER als ersten schwulen Chor aus Europa durch Kanada und USA. Vancouver, Seattle, Portland, Sacramento und nicht zu vergessen, die Gay Hochburg San Francisco (in der 1/5 der Bevölkerung schwul ist). Standing ovations waren überall das Dankeschön des begeisterten Publikums. Und schon stehen neue Ziele vor Augen: 1994 in New York bei den Gay-Games (Olympische Spiele für Schwule und Lesben, anbei mit einem Arts-Festival), davor aber noch für die Karlsruher Fans im November bei einem Chor-Festival (zusammen mit anderen europäischen Schwulen- und Lesben-Chören) und mit neuen Liedern das ultimative SCHRILLMÄNNER-Konzert im Dezember.

,...Und wenn ein Mann einen Mann liebt, soll er ihn lieben, wenn er ihn liebt, denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt...‘

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