Schwulen- und Lesbenchöre trafen sich zum Regiofestival ,Chorirosa‘ und erfreuten Einkaufsbummelanten mit ihren Ständchen

Wie überall sonst auch: Lustvoll die Lust und schmerzlich der Schmerz

Ach ja, das ist ein Ohrwurm! Die nicht mehr ganz junge Touristin wiegt sich im Takt und singt den vertrauten Song entzückt mit: ,Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blüh'n‘. Aus welcher Oper das sei fragt ihre Nachbarin. ,Aus 'My Fair Lady', aber das ist ein Musical!‘ bemerkt die Mitsummerin ganz richtig. ,Und wer sind die jungen Sänger?‘ ,Den Chor kenn' ich nicht‘. Es sind die schwulen ,Schrillmänner‘ aus Karlsruhe, die da zum Entzücken der Passantinnen aufsingen. Am Samstag Mittag ziehen fünf schwule und lesbische Chöre durch die Stadt.

Bei einem Rundgang im Rahmen des Regiofestivals ,Chorirosa‘ bringen die Sänger hier und dort ein Ständchen. Bleiben wir doch einen Moment bei den schrillen Boys aus Karlsruhe und bei ihren entzückten Zuhörerinnen auf dem Münsterplatz. Frisch, fröhlich und vielstimmig erschallt der bekannte Musical-Song zwischen Marktständen und Würstchenbuden. Nur der Text ist neu: ,Der Schwule schwärmt, wenn schwere Schwänze schwellen‘. Die Mitsummerin hält inne: ,Hab' ich das jetzt richtig gehört?‘ Und auch der Familie rechts von ihr bleibt die Münsterwurst im Halse stecken. Der Gatte feixt, die Gattin drängt zum Aufbruch, nur der Filius ahnt nicht, warum seine Eltern aufgeregt flüstern. Frage an die Umstehenden: ,Was halten Sie von dieser Darbietung?‘ Vater: ,Wenn das jemand mag, dann ist das sein Problem‘. Mutter: ,Schließlich sind hier auch Kinder!‘ Die Dame vom Anfang hat sich inzwischen gefangen. Ihr Fall sei das Drastische nicht. – ,aber schöne Stimmen haben die‘. Die Familie geht, die Dame bleibt. Das nächste Lied ist auf englisch.

Was an diesem Mittag ringsum in der Freiburger Innenstadt erklingt, ist immer ein bisschen mehr als ein klassisches Chorrepertoire. Auch die schwulen und lesbischen Chöre bringen – oft hinreißend witzig – Lieder von Liebe und Leid. Lustvoll die Lust, schmerzlich der Schmerz, ,shubidoo‘ und ,allzeit bei dir allein‘. Dann aber wie aus heiterem Himmel zum Werbejingle einer beliebten Fast-food-Kette: ,Mit Kondomen ist es einfach sicher‘ oder ,das waren die Lesben wieder, jetzt kennt ihr ihre Lieder‘. ,Ach so, das waren alles Lesben!‘

Weitergehen oder stehenbleiben? Nicht nur Familien und touristische Damen müssen sich verschiedentlich entscheiden, als sie plötzlich vor kess singenden Frauen- oder Männerchören stehen. Meistens kommt der freundlich-provokante Gesang an. Wenige fühlen sich ,blöd angemacht‘. Einige aber sind regelrecht überrascht: ,Ich wusste gar nicht, dass es eine eigene Chorkultur gibt‘, freut sich ein Passant über die kleinen Kostproben der lila-rosa Chormusik. Und wie ihn zieht es dann rund 200 Neugierige auf den Augustinerplatz zum Open-air-Konzert.

Auf den Stufen stehen lesbische Sängerinnen und schwule Sänger, auf dem Platz verteilen sich Szenepublikum, Sympathisanten und auf dem Stadtrundgang gewonnenes Publikum. Erst in zweiter und dritter Reihe recken Vorübereilende und Stehengebliebene die Hälse. Und tatsächlich sind die Choristen nicht nur ein Hörgenuss, sondern eben auch einen oder mehrere Blicke wert: die Freiburger ,Queerflöten‘, die ,WEIBrations‘ und die ,Schrillmänner‘ aus Karlsruhe. die ,Rosa Note Stuttgart‘ und aus Basel die ,Fliedertafel‘.

Sie alle zeigen an diesem Mittag wie man einem Publikum ordentlich einheizt. Die ,WEIBrations‘ ernten Szene(n)applaus mit dem hübsch intonierten und gut inszenierten ,Good girls go to heaven, bad girls go everywhere‘. Und die Elf von der ,Fliedertafel‘ singen frei nach Zarah Leander ,Heut' abend brat' ich mir ein Spiegelei‘ – die humorvolle Verballhornung von ,Heut' abend lad ich mir die Liebe ein‘ wird begleitet von stürmischen Lachsalven.

Vermutlich war das sogar mehr als die ,erhoffte Resonanz‘, von der Oberbürgermeister Rolf Böhme in einem verspäteten ,Geleitwort‘ zum ersten regionalen Festival lesbischer und schwuler Chöre geschrieben hatte. Und dass Freiburg, so der OB, ,eine lange liberale Tradition‘ hat, in der ,jede Gruppe im Rahmen der Gesetze ihren Platz und das Recht zur Meinungsäußerung‘ habe, ist naheliegend: Eine Woche zuvor durften hier ja auch die lokalen Fischer-Chöre ihr Repertoire vortragen.

Badische Zeitung, Julia Littmann

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